|
Ohne das Klavier wäre ich zutiefst unglücklich
Der Pianist Jewgenij Kissin –
ein Portrait von Peter Michael Schneider
Jewgenij Kissin sei ein Künstler, kein Kunstprodukt,
sagt der Musikschriftsteller Matthias Siehler in seinem Kissin-Portrait.
Das werde von Jahr zu Jahr deutlicher. Noch immer fixiere
er sein Publikum starr, wenn er in den Saal tritt, verbeuge
sich mechanisch, setze sich rasch und lege ohne Umschweife
los. Doch was dann folgt, ist immer von einzigartiger poetischer
Romantik im Verein mit einer kristallinen Anschlagkultur und
einem hellwach analytischen Denken geprägt. Andere Wunderkinder
ermüden nicht selten um die dreißig, bei Kissin
scheint das Gegenteil der Fall zu sein; er wirkt wacher, frischer,
aufmerksamer, sensibler, technisch makelloser denn je.
Geboren wurde Jewgenij Kissin 1971 als Sohn eines Ingenieurs
und einer Pianistin in Moskau. Mit elf Monaten kann er Bachsche
Fugenthemen nachahmen, die seine Mutter oder seine ältere
Schwester ihm vorspielen. Im Alter von zwei Jahren beginnt
der kleine Jewgenij zu komponieren, zu improvisieren. Kein
elterlicher Wille, nichts hält ihn davon ab. Man läßt
ihn, den beschenkten Musensohn, gewähren.
Jewgenij Kissin tritt 1977 an der Moskauer Gnessin Musik-Schule
in die Klavierklasse von Anna Pawlowna Kantor ein. Nie wieder
wird ihn jemand anderes als diese erste Lehrerin unterrichten
– erst an der Gnessin-Schule, später bis 1989 am
Gnessin Musikinstitut, der „New Gnessin Academy of Music“.
Anna Pawlowna wird zu einem Teil der Familie. Sie wird die
Familie Kissin später nach New York, nach London und
nach Paris begleiten, die Stationen seiner Wahlheimat. Ohne
das Klavier, bekennt er freimütig, wäre er ein zutiefst
unglücklicher Mensch. Ja, vermutlich würde er vereinsamen.
So aber, mit seinem Instrument, ist er rundum glücklich.
Darin lebt er. Und es behütet ihn, gibt ihm ein Zuhause
bei seiner nunmehr jahrzehntelangen Reise durch die Kontinente.
Genialische Menschen benötigen anscheinend nicht mehr.
Mit zehn gab Kissin sein erstes Konzert, ein Jahr später
folgte sein erster Soloabend. – alle weiteren Auftritte
wurden in Moskau zum Ereignis. Svjatoslav Richter, Emil Gilels,
Daniel Barenboim und Lazar Berman hörten den jungen Virtuosen
und machten aus ihrer Begeisterung keinen Hehl.
Zur entscheidenden Begegnung wurde ein Vorspiel bei Herbert
von Karajan in Salzburg. Während der Festspiele 1988
hörte der Maestro Jewgenij Kissin und engagierte ihn
spontan für das Silvesterkonzert in Berlin, das Karajans
letztes mit seinen Berliner Philharmonikern werden sollte.
Das Tschaikowsky-Konzert wurde weltweit im Fernsehen übertragen
und auf cd aufgenommen. Es bedeutete für Jewgenij Kissin
den internationalen Durchbruch. Von einem Tag zum anderen
hatte er sich in den kleinen Klub der Starpianisten eingereiht,
oberhalb allfälliger Wettbewerbssiege. Er hat diese Stellung
bis heute gehalten, ja für sich und sein Publikum bereichernd
ausgebaut.
Jewgenij Kissin – das sind gezielt gewählte Auftritte
über die Kontinente verteilt, gut ausgeglichen zwischen
Konzerten, Soloabenden und Kammermusikauftritten. Auch die
Aufnahmetätigkeit ist limitiert. Seinen Open-Air-Auftritt
im September 1997 auf dem Roten Platz in Moskau, aus Anlass
der 850-Jahr-Feiern der Stadt, erlebten 6000 Menschen live,
die Nation an den Fernsehschirmen. Zwei Monate zuvor war er
dort mit dem „Triumph Award“, der höchsten
kulturellen Auszeichnung Russlands, geehrt worden.
Den Wunderkind-Appeal hat der zum wirklichen Meister Gereifte
inzwischen abgestreift. Er ist nicht mehr jener Überflieger,
der durch Tschaikowskys Klavierkonzert stürmte, und auch
nicht der Skrupulöse, der sich bei Chopin solche Vitalität
nicht mehr gestattete und sich in Lyrismen erging. Beides
steht ihm jetzt nach Belieben zu Gebote, und dazu die Einsicht
in kompositorische Zusammenhänge.
In der jüngsten Vergangenheit hat Kissin sich mehr und
mehr der Kammermusik gewidmet, mit Partnern wie Martha Argerich,
Natalia Gutman, Gidon Kremer, Yuri Bashmet und Vladimir Spivakov.
Und seiner neben der Musik zweiten großen Passion, der
Poesie. Bei dem Verbier Festival 2002 hat Jewgenij Kissin
zum ersten Mal jiddische und russische Poesie vorgetragen.
Es war ein großer Erfolg, und für Kissin ein besonderer
Moment des Glücks. Wie auch im letzten Jahr. In diesem
Jahr, am 19. Juli, wird er das gleiche bei dem Festival in
Montpellier tun – zusammen mit dem großen Gérard
Dépardieu, der die französische Übersetzung
der jiddischen und russischen Poesie rezitieren wird.
Jewgenij Kissin ist Ehrendoktor der Manhattan School of Music
(2002), Ehrenmitglied der Royal Academy of Music (2005) und
Träger des Karajan-Preises (2005). Seine Scriabine/Medtner/Strawinsky-Aufnahme
erhielt 2006 den „Grammy“.
|