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Klavier / Ivo Pogorelich / Portrait

Sich selbst treu bleiben

Der Pianist Ivo Pogorelich - ein Porträt von Gerhard Willig

Interpretation ist für den Pianisten Ivo Pogorelich immer ein Lernprozeß, in den Wissen und manuelle Erfahrungen einfließen. Deshalb spielt er selten gleich, hasst mechanisches Repetieren, ist extrem abhängig von Tagesform und Stimmung im Saal. Und wenn seine Interpretationen manchem ungewöhnlich vorkommen, so sind sie doch die reifliche Überlegung eines sich streng in den Notentext vergrabenden, den Intentionen des Komponisten sich ausliefernden Nachschöpfers. Über seine oft kontrovers aufgenommenen Konzerte sagt er: "Ich liebe die Tradition. Und ich studiere sehr genau, wie unterschiedlich ein Stück im Lauf der Zeit angegangen worden ist. Daraus und aus den Noten ziehe ich die Schlüsse für mein Spiel. Und ob die von allen und jedem akzeptiert werden, darauf habe ich keinen Einfluss. Ich bin bis heute denselben Prinzipien und Regeln treu, die ich mir am Anfang meiner Karriere gesetzt habe. Nichts ist fest, nichts ist gegeben. Das Interessante ist immer das, was vor uns liegt."

So war über sein letztes Münchner Konzert zu lesen: "Ivo Pogorelich scheint ein anderer. Einer, der nach vielem Probieren und Suchen unvermittelt die Rätsel aller Kunst entwirrt hat und nun geblendet und staunend vor dem eigenen unfassbaren Können steht. Plötzlich streift Pogorelich alle Manieren ab, die sein Spiel sonst so spannend machen, und formt Musik in ihrer größten Ruhe, in überwältigender Würde. Plötzlich begreift man wieder, warum Musik den Menschen so existentiell wichtig und unverzichtbar ist. Es war dies einer der ganz großen Momente, geboren aus einem schonungslos analytischen Musizieren, das sich, was selten geschieht, der Radikalität des Komponierten fast deckungsgleich annähert. Wie Pogorelich zwei verschiedene Tempi gleichzeitig simulieren kann und aus den unvermeidlichen Kollisionen musikalischen Sinn gewinnt - ein Mirakel. Wie er den Duft französischer Impressionisten ahnt, wie er ziseliert und dabei so streng und farbig spielt, dabei mit der linken Hand nur willkürlich scheinende, aber immer den Sinn verdeutlichende Akzente hineindröhnt: phänomenal."

Ähnliches Lob, gespeist aus Erfahrung und Reife, aber auch einem steten sich Weiterentwickeln, findet man heute über kaum einen Pianisten seiner Generation. Wenn das Klavierspiel in den achtziger Jahren einen Namen und ein Gesicht hatte, ein jugendlich aufregendes, geliebtes und abgelehntes, so war das meist das von Ivo Pogorelich. Der 1958 geborene Jugoslawe spaltete die Lager. Heiß oder kalte, eine lauwarme Mittelposition konnte in seinem Fall keiner einnehmen. Der Start des in russischen Kaderschmieden gehärteten Talents war ein exzentrischer und so ging es weiter in einem Jahrzehnt, das sich ganz dem Genuss und der Lebenslust ausgeliefert hatte, wovon auch die scheinbar so hehre Welt des klassischen Musikbetriebes nicht verschont blieb. Auftakt furioso, als 1980 eine tobende Martha Argerich aus Protest ihren Jurysitz beim gefürchteten Warschauer Chopin-Wettbewerb niederlegte: weil eben jener Ivo Pogorelich, von dessen Wagemut sie begeistert war, vor den übrigen Preisrichtern keine Gnade fand und schon nach der dritten Runde ausgeschieden wurde. Den Wettbewerb, für den er berufen war wie kaum einer, hat er nicht gewonnen. Das schlug Wellen. Den ersten Warschauer Preisträger kennt heute keiner mehr, Ivo Pogorelich ist nach wie vor eine Größe. Was eben nicht nur am Provokationstalent des 1958 Geborenen liegt, sondern auch an seinem unbeirrbar individuellen Zugang zu seinem Schicksalsinstrument, an das er seit frühester Kindheit mit wechselnder Lust fest angebunden ist.

Einer wie Pogorelich, gut aussehend, mit provokanten Äußerungen nicht sparend, mit durchaus hochfahrender Attitüde seine Pogramme höchst eigenwillig zusammenstellend und auch so spielend, er war wie geschaffen für diese Zeit, wurde in der Verehrung wie im Verschmähen einer der meist diskutiertesten Personen dieser Zeit.

Als Sohn eines Kontrabassisten in Belgrad aufgewachsen, erhielt Ivo Pogorelich im Alter von sieben Jahren seine erste musikalische Ausbildung, mit zwölf Jahren wechselte er – das Auswahlsystem für Hochbegabte im sozialistischen System war so streng wie ausgefeilt – nach Moskau. An der zentralen Musikschule wie später auch am Konservatorium erfuhr der begabte Jugoslawe zunächst die ebenso gute, wie harte Ausbildung. Nach fünf Jahren aber kommt er zu Aliza Kezeradze, einer Pianistin und Pädagogin, die ihm eine völlig neue Welt eröffnet. Beide verbindet eine langjährige professionelle Zuammenarbeit, bei der er sich immer wieder ihrem gestrengen Habitus unterwirft, der freilich untrüglich weiß was gut für ihn ist. Bereits 1978 hat Ivo Pogorelich den Casagrande-Wettbewerb in Terni gewonnen, 1980 dann den Ersten Preis beim Internationalen Musikwettbewerb in Montréal, bevor durch den Warschauer Paukenschlag die Aufmerksamkeit des musikalischen Establishments der ganzen Welt auf ihn gelenkt wurde. Eine Aufmerksamkeit, die er schnell durch Auftritte in allen berühmten Konzertsälen und bei den renommierten Festivals rechtfertigte. Er hat mit den berühmtesten Orchestern der Welt konzertiert, wenn auch sein Weg ihn immer mehr auf eine Solokarriere hingeführt hat.

Dann kamen die neunziger Jahre. Pogorelich hatte seine Klavierlehrerin geheiratet, alles wurde ruhiger, vorhersehbarer. Ein Rhythmus pendelte sich ein. Einmal im Jahr gab er eine Solotournee, dazwischen gab es manchmal immer seltener werdende Konzertauftritte, bis er sie fast ganz einstellte, Noch immer umgab er sich mit der Aura des Geheimnisvollen, entzog sich weitgehend dem Betrieb, führte ein zurückgezogenes Leben, widmete sich einige Jahre lang einem von ihm initiierten Sommermusik-Festival im beschaulichen Bad Wörishofen, richtete im kalifornischen Pasadena einen Musikwettbewerb aus, kümmerte sich um den Nachwuchs und engagierte sich als Unesco-Botschafter sowie für diverse karitative Hilfsprojekte in Serbien. Inzwischen ist auch Ivo Pogorelich selbst von Schicksalsschlägen nicht verschont geblieben. 1996 starb seine Frau Aliza Kezeradze an Krebs. Vom Podium hatte er sich seitdem immer wieder für längere Zeit zurückgezogen.

Auf die „Zeit“-Interviewfrage: „Was haben Sie so überzeugend Neues erfahren?“ antwortete der Pianist: „Das ist sehr komplex, mehrschichtig. Erstens: Technische Vollkommenheit als Selbstverständlichkeit. Zweitens: Einsicht in die Entwicklung des Klanges, wie sie uns von den Pianisten-Komponisten des späten 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts erarbeitet wurde, von Rachmaninow und Skrjabin, Prokofieff, Ravel, Bartók, die den „Pianismus“ entwickelten, aber auch das Klavier verstanden wie eine menschliche Stimme, also mit ihm sangen, und gleichzeitig wie ein Orchester, mit dem sie die unterschiedlichsten Farben erzeugten. Drittens: Wir besitzen neue Instrumente; sie wurden reicher im Klang gebaut, weil sie für größere Säle gedacht sind. Viertens: Wir haben erfahren, was es heißt zu differenzieren.“

Und jetzt ist er wieder da seit einigen Jahren schon. Diesmal geht er auf Tournee mit Werken von Chopin, Skrjabin, Rachmaninow – einem typischen Pogorelich-Programm. Und wieder mag das liebgewordene Chopin-Bild Risse und Sprünge bekommen, könnte dahinter ein mitunter verquälter Weltzerrissener, ein klarsichtiger Analytiker der Form und ein großer versonnenen Melodiker hervorkommen, einer, der Ivo Pogorelich nicht unähnlich ist. Die Jahrzehnte im grellen öffentlichen Licht sind an ihm nicht spurlos vorüber gegangen. Doch er kann auch nicht ohne es sein. Schließlich wärmt es ihn auch, treibt ihn voran.

     
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