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Zwischen Kindheit und meisterlicher Reife
Die erstaunliche 20-jährige Pianistin Lise de la Salle
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ein Porträt von Matthias Siehler
Ein Marketingprodukt?
Lise de la Salle, aus bester französischer Familie und
mit den strengen, konzentrierten Zügen einer Alabasterbüste
der italienischen Renaissance, ist da eher das Gegenteil.
Mädchenhaft ernst horcht sie in sich hinein und sagt
dann nicht sehr viel. Dass sie Stille und Zeit für sich
in der eigenen Pariser Wohnung braucht. Dass sie gern liest,
aktuell Mark Aurel und Kafka. Dass sie nicht zu viel Klavier
spielt. Besonders nicht öffentlich. 45 Abende sind eine
gute Zahl. Dass sie in Frankreich noch gar nicht so bekannt
ist. Dass sie keine sonderlichen Repertoire-
vorlieben hat. Auch dass sie sich vor zwei Jahren von ihrem
Lehrer getrennt hat, auf eigenen, auch eigensinnigen Pianistinnenfüßen
steht.
Sie kann sehr einfach klingen, meist mag sie es aber kompliziert.
Mit winzigen Rückungen, Verzögerungen, ausgezierter
Ornamentik. Sie experimentiert gern. Und findet am Ende oft
das Simple. Sie hat so viele Möglichkeiten. Auf ihrer
jüngsten, ihrer vierten CD ist Mozarts schnell genommene,
dabei so grausame Transparenz ebenso wenig ein Problem wie
Prokofieffs furioses Technikfeuerwerk, das sie mitunter mutwillig
als theatralischen Gewaltakt mit großer Geste herausschleudert.
Dabei bleibt diese junge Pianistin konzentriert auf das Wesentliche.
Das Klavier ist ihr das eigentliche Ausdrucksmedium, darin
weiß sie mehr zu sagen als mit Worten. Sie kennt die
große und lange musikalische Tradition, in der sie steht,
sie weiß um Ernst und Würde; dabei liegt noch viel
vor ihr. Jetzt spielt sie mit dem ihr möglichen Zugang.
Sie will nicht blenden und flirren, verführen und vorspiegeln.
Sie will sie sein. Und das heißt: Konzentration auf
das ihr augenblicklich Angemessene. Ein überschaubarer,
doch raffiniert erfüllter Kosmos des Klavierspiels. Leicht
und filigran im Anschlag, kantig sogar; souverän, bisweilen
auch wagemutig in der technischen Entfaltung; anmutig ausbalanciert
in rhythmischen Fragen; ausgewogen in der Dynamik.
Es ist kein hemmungslos subjektiver Zugang, dafür ein
sehr kluger, momentan vollkommen angemessener, ja ehrlicher.
Zurückhaltend, mitunter reserviert, nie kindlich naiv,
sondern intelligent und klar. Lise de la Salle kann viel,
weiß noch mehr. Doch sie prunkt nicht, bindet virtuose
Momente in einen Gesamtkontext ein, pflegt einen Klavierklang,
der sich begnügt und sich doch reich entfaltet. Schnörkellos
heißt bei ihr nicht schmucklos, sondern das frühreife
Wissen um das Wesentliche - soweit es ihr zu Gebote steht.
Nicht für sich, sondern als Akt der Kommunikation.
Lise de la Salle will reden durch das Klavier, sich mitteilen,
vielleicht auch über Dinge, die sie im gegenwärtigen
Alter noch nicht verbal zu Fassen vermag. So erweitert sich
ihr Spiel immer wieder ins Klangtiefe, Seelenvolle, Unsagbare
- und dann sitzt da eine 20-jährige, ernsthaft, doch
lächelnd, kein gedrilltes Wunderkind, aber eben auch
keine vollendete Künstlerin. Jemand der auf der Suche
ist, voll Demut und Neugier, Staunen und Freude über
das Erreichte, Entdeckte. Gestaltungssicher und doch offen,
perfekt intonierend, aber nicht auf dem Status Quo beharrend.
Wundervolle Momente des Werdens, Versprechung auf Kommendes.
So wie in ihrem Spiel nichts überhetzt oder getrieben
wirkt, so ist auch das stete Wachsen der Karriere von Lise
de la Salle ein vorsichtiges, verantwortungsbewusstes. Nicht
der schnelle Erfolg zählt, sondern die Nachhaltigkeit.
Begleitet ist diese Karriere übrigens von Anfang an von
einem wohlwollenden Staunen, einem wissenden Entzücken
der Fachleute wie des breiten Publikums. Da ist keine Hysterie,
sondern ein stetes sich Freuen, zu welchen neuen Ufern sie
aufbricht, was die Zukunft an neuen Entwicklungen, an Reife
und Wagemut bringen wird.
Geboren wird Lise de la Salle 1988 im nordfranzösischen
Cherbourg. In der Familie spielen Malerei und Vokalmusik eine
Rolle, die Mutter ist Chorsängerin. Als sich in Lise,
die seit ihrem vierten Lebensjahr das Klavier zu ihrer Passion
erklärt hat, schon früh außerordentliche Begabung
artikuliert, folgt sie dem vorgezeichneten Weg. Privatlehrer
und erste Wettbewerbssiege führen zu Pascal Nemirovski,
mit dem sie eine lange Zusammenarbeit verbindet, die sich
in dominant russischem Repertoire niederschlägt.
Zugleich besucht Lise de la Salle ab ihrem 11. Lebensjahr
als außerordentliche Schülerin das Conservatoire
Supérieur de la Musique in Paris, das sie 2001 mit
Auszeichnung abschließt. Danach wechselt sie an das
Conservatoire National Supérieur. Ihre öffentliche
Karriere hat freilich schon mit neun Jahren begonnen, als
sie ein von Radio France übertragenes Konzert spielte.
Ohne Überforderung entwickelt sie sich mit ausgesuchten
Podiumsauftritten weiter. Ihr erstes Klavierkonzert, das eigens
in wenigen Tagen gelernte 2. von Beethoven, spielt sie als
mutige wie glänzende Einspringerin 13-jährig in
Avignon. Für solche Abenteuer ist Lise de la Salle durchaus
zu haben - doch sie sollen Ausnahme bleiben. Ein Abenteuer
ist auch die erste CD. Der mit großem Kritikerbeifall
aufgenommene Erfolg der Koppelung von Rachmaninow und Ravel
zieht einen Exklusivvertrag nach sich, weiter ungewöhnliche
Paarungen, erst Bach und Liszt, nun Mozart und Prokofieff,
folgen
Sie, von der Münchner Presse bei ihrem letzten Auftritt
bereits als "französisches Klavierwunder" begeistert
etikettiert, die "in der Erwachsenenwelt schweren Virtuosentums"
sowohl den kalkuliert perfektionierten Schönklang einer
Elisabeth Schwarzkopf wie auch die beinahe ungebändigt
individuelle Leidenschaft einer Maria Callas gleichermaßen
liebt, will das Klavier mit Kraft und Intelligenz zum Singen
bringen, will damit die Farben des Orchesters vergessen machen.
Nicht als egozentrische Tastengrenzgängerin, sondern
als frühreife, wenngleich entwicklungsfähige Meisterin
der Balance. Die im Augenblick vor allem die Ausweitung ihrer
Repertoiregrenzen im Auge und n den Fingern hat. Konzentriert.
Wesentlich. Ganz Lise de la Salle eben. Denn wie stand es
jüngst in der F.A.Z.: "Eine erstaunliche, mit der
jungen Künstlerpersönlichkeit aber durchaus natürlich
verwachsene Bravour scheint aber bloß die Fassade zu
sein, hinter der de la Salle gleichsam Metaebenen in Klang
und Ausdruck entdeckt. Sie modelliert sie geradezu plastisch
aus und versenkt sich auch in verstecktere Gefühlszonen.
Sie blickt nicht nur auf, sondern auch hinter die Noten."
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
Biographie zum herunterladen:
Lise de la Salle
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