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Anatol Ugorski, der weltberühmte Pianist, der vielfach
geschätzte Pädagoge, ist schwer greifbar. Weil er
sich entzieht, Ernst in Lachen verwandelt, sich nicht für
so wichtig nimmt und nicht viel sagen will. Anatol Ugorski
ist aber auch ganz leicht einzuordnen, schnell greifbar: Wenn
man mit ihm über Musik spricht. Dann sind seine Ansichten
sehr dezidiert und sehr klar. Über Messiaen zum Beispiel:
"Dessen Musik spiele ich sehr gerne. Sie ist so kristallin
und übersichtlich. Er schreibt präzise und akribisch,
er freskiert nicht, man muss sich an das halten, was geschrieben
steht. Dabei ist er rhythmisch sehr raffiniert. Ich bin mit
dieser Sprache verwachsen. Vor allem den ganzen ,Catalogue
d'Oiseaux' liebe ich. Er dauert zweieinhalb Stunden, und ich
habe ihn ungefähr zehn Mal komplett aufgeführt.
Jedoch in einer speziellen Notenschrift, die ich entwickelt
habe und mit der sich die komplizierte Faktur schneller durchschauen
lässt. Messiaen wird bleiben, das merke ich jedes Mal
mehr, wenn ich ihn spiele. Seine Mischung aus Tradition und
Fortschritt hält die Balance, seine Farbigkeit fasziniert
die Menschen. Ein wenig erinnert mich das an die Musik von
Skrjabin, die ähnlich austariert ist. Für mich ist
Messiaen zu spielen keine Strapaze, obwohl er so anspruchsvoll
ist, sondern wie eine geistige Reinigung. So wie für
andere Künstler Bach. Den ich auch sehr liebe."
Der Pianist Anatol Ugorski liebt überhaupt sehr viel.
So schafft er es neben seiner Pädagogentätigkeit
an der Musikhochschule Detmold und vielfältigen Meisterkursen
auch noch, etwa zehn verschiedene Programme mit 60 bis 70
Stücken griffbereit abzuspeichern, wo sich andere Pianisten
(die nicht lehren) mit einem Soloprogramm und zwei, drei Konzerten
pro Saison begnügen. "Ökonomie in künstlerischen
Dingen hat mich noch nie interessiert, so Ugorski. "Das ist
kein rationales Abwägen, sondern ein Müssen. Und
ich bin nun einmal sehr neugierig."
Vielleicht liebt Anatol Ugorski auch deshalb den für
ihn fruchtbaren Dualismus als Solist und Lehrer so sehr: "Wir
haben beide etwas davon, die Schüler und ich. Sie profitieren
von einem aktiven Lehrer, der nach einer Tournee mit neuen
Ideen für ein Stück und vielen praktischen Tipps
zurückkehrt. Mir bringt es viel, mich von Lernenden inspirieren
zu lassen, durch sie manches zu hinterfragen, neu anzugehen.
In diesem Beruf darf sich keine Routine einschleichen, alles
muss ständig frisch und spannend gehalten werden. Feste
Meinungen darf es nicht geben, denn eine Interpretation ändert
sich für gewöhnlich ein ganzes Pianistenleben über."
Sich überraschen lassen, so geht Anatol Ugorski seine
Tage an. Und das beginnt schon im Unterricht. "Ich kann sehr
viel von meinen Schülern lernen, besonders wenn sie gut
sind. Das ist unser Verhältnis ein gegenseitiger Prozess,
keine Einbahnstraße. Nach dem Unterricht bin ich als
Künstler freier, reagiere anders. Und was ich lehre wird
durch meine Praxis im Konzertsaal bestätigt oder widerlegt.
Dann muss man einen Fehler eingestehen und es anders neu probieren.
Strawinsky hat einmal gesagt, kritisieren kann man nur durch
die Schaffung neuer Werke. Ich glaube auch, dass dies für
Interpreten gilt."
Anatol Ugorski wurde 1942 in Leningrad geboren. Er stammt
aus einer jüdischen Familie und wuchs mit fünf Geschwistern
in bescheidenen Verhältnissen auf, ein Xylophon und seine
Stimme waren die einzigen Instrumente, über die er zu
Hause verfügte. Im Alter von sechs Jahren nahm er, ohne
irgendwelche Beziehungen zu haben und ohne Vorbereitung, an
einer Aufnahmeprüfung für die Musikschule am Leningrader
Konservatorium teil. Er wurde aufgenommen, obwohl er bis dahin
noch nie Klavier gespielt hatte. 1960 verließ er die
Schule und setzte sein Studium bis 1965 am Konservatorium
bei Nadeschda Golubowskaja fort.
Doch seine Karriere mit öffentlichen Auftritten gestaltete
sich schwierig. Das für russische Pianisten übliche
Repertoire mit Werken von Tschaikowsky und Rachmaninow , von
denen er nur weniges gelten lässt, lehnte er ab, lieber
spielte er Bach, Beethoven, viel Skrjabin und andere Stücke
des 20. Jahrhunderts. So fristete er als Liedbegleiter der
Jungen Pioniere und mit Soloabenden in entlegensten Provinzen
seine Existenz, immer misstrauisch beäugt auch wegen
seiner Herkunft. Als er beim ersten Konzert von Pierre Boulez
in der UdSSR diesem zu sehr zujubelte wurde er sogar disziplinarisch
belangt. Doch an Auswanderung - wie so viele andere jüdische
Musiker in dieser Zeit - dachte Anatol Ugorski nicht, er verbucht
diese Jahre heute als wertvolle Lern- und Übungszeit:
"Ich konnte mich auf meinem Weg festigen, hatte Zeit, stand
noch nicht im gleißenden, oft grausamen Rampenlicht."
Die, die Anatol Ugorski hören wollte, wussten, wo sie
ihn finden konnten: Seine meist nicht öffentlich plakatierten
Konzerte in Leningrad waren immer überfüllt, sein
Ruhm blühte im Verborgenen. Als er trotzdem immer berühmter
wurde, berief ihn 1982 das Konservatorium als Lehrer. Als
die antisemitischen Angriffe immer schlimmer wurden und sogar
seine Tochter bedroht wurde, floh die Familie im Sommer 1990
über Ostberlin nach London, wo sich ein Kontakt zu der
Berliner Schriftstellerin Irene Dische herstellen ließ.
Mit deren Hilfe - und der der Presse - konnte sich Anatol
Ugorski fast überstürzt auf dem internationalen
Markt positionieren. Worauf andere lange hinarbeiten, das
hatte er plötzlich und schnell - einen Plattenvertrag
mit einer renommierten Firma, einen guten Agenten, Auftritte
in der ganzen Welt, große Artikel in den Zeitungen.
Der Rummel der ersten Jahre ist zum Glück vorbei. Nach
einigen hektischen Jahren haben sich die Ugorskis nun in Detmold
niedergelassen, wo alles in etwas ruhigeren Bahnen verläuft.
Rückblickend betrachtet ist sich Anatol Ugorski sicher:
"Alles ist vorbestimmt. Und wenn ich nicht meine Jahre in
der Provinz gehabt hätte, wäre ich mit dem plötzlich
hereinbrechenden Rummel niemals fertig geworden." Schnell
polarisierte er die Gemüter. Den einen galt er als Exzentriker,
der mit dem Notentext viel zu frei umgeht, anderen als avantgardistisch
aufgeschlossener Musikintellektueller mit einem Touch "hoffmannesk-romantischer
Interpretationsindividualität".
Trotz seiner herausragenden virtuosen Möglichkeiten
und einer staunenswert großen Anschlagpalette gefällt
sich Anatol Ugorski nicht als ein auf Makellosigkeit bedachter
Richtigkeitsfanatiker: "Einfälle sind immer da, nur:
Nicht jeder bemerkt sie. Das ist genau meine Technik: Ich
lasse die Einfälle nicht verloren gehen. Ein Stück
wird immer von Menschen gelesen, sonst existiert es nur als
schwarze Kleckse auf Papier. Und jeder Mensch liest anders.
Objektivität kann es, darf es in der Musik nicht geben."
Im letzten Jahr hat Anatol Ugorski viel Chopin gespielt, nicht
nur weil Jubiläumsjahr war, sondern weil er ihn sehr
liebt. "Ich habe auch für eine Gesamtaufnahme alle Chopin-Werke,
die bisher unbekannten, selten gespielten aufgenommen. Denn
auch solche gibt es sogar bei einem so populären Komponisten.
Ich werde sicherlich einige davon auch in meine Konzertprogramme
integrieren." Doch zunächst hat er sich wieder einmal
Skrjabin vorgenommen, den selbst ein Virtuose wie er immer
"technisch als höchst schwer" empfindet. Eine Gesamtaufnahme
ist in Planung und so spielt er sich gerade wieder einmal
durch die Sonaten.
Eine Kritikerin schrieb über ihn: "Bei Anatol Ugorski
wird der schwarze Flügelkasten zu einer Zeitmaschine,
vor der ein halbes Jahrhundert musikhistorischer Erfahrung
nichts ist als ein Augenblick, zusammengeschlossen in einem
Klang - und jeder Klang ist für sich eine Kampfansage
an die eingeschliffene, dumpfe Hörgewohnheit, die jedes
Stück und jeden Stil längst verstaubt in der Schublade
glaubt." Solches verpflichtet, irgendwie. Zwar kümmert
es Anatol Ugorski nicht wirklich, aber er tut doch nichts
anderes, weil er sich selbst treu bleibt: aufmerksam und offen
auf die Noten zu reagieren und den für seine Zeit und
für ihn gültigen Ausdruck zu finden.
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