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Violine/ Gil Shaham / Portrait

Wer das Silvesterkonzert 1997 der Berliner Philharmoniker mit spanischen Impressionen erlebt hat - live in der Berliner Philharmonie oder vor dem TV-Schirm -, der wird bemerkt haben, dass der meiste Applaus nicht etwa Anne Sofie von Otters äußerst intellektueller Carmen, nicht Roberto Alagnas glutvoll gesungener Blumenarie und auch nicht Mikhail Pletnjews virtuos hingefetzter Paganini-Rhapsodie von Rachmaninow, sondern dem glanzvoll aufspielenden Geiger Gil Shaham galt, der wie ein Rattenfänger das Publikum mit Pablo de Sarasates funkensprühender Carmen-Fantasie in den Bann schlug. "The Fiddler of the Opera" hatte man ausrufen wollen - und genauso heißt auch eine seiner CD-Veröffentlichungen, auf der er Bearbeitungen und Melodienarrangements aus den berühmtesten Opern spielt. Mit Gefühl und Temperament, schmalzig, wenn es sein muss, aber auch sensibel und zart, sich ganz auf den unwiderstehlichen Zauber dieser kleinen, aber kostbaren Musik verlassend.

Gil Shaham kennt keine Berührungsängste, er ist für jede Art von Musik zu haben - solange sie gut ist. Mit der gleichen Intensität, mit der er etwa Bachs Partiten für Violine solo spielt, wirft er sich in die Walzerfolge aus dem "Rosenkavalier". Er hat Piazzolla-Tangos auf vier Saiten wunderbar schmachtend gegeigt, ist aber auch ein Meister der großen Werke der Violinliteratur wie der Sonaten eines César Franck oder Gabriel Fauré, wobei seine Präferenz eindeutig bei den Werken der Spätromantiker und ihren melodieverliebten Adepten des 20. Jahrhunderts liegt. Da ist Gil Shaham ganz ehrlich: Er fühlt sich als Romantiker und gibt das auch offen zu. Der Moderne weicht er dabei keineswegs aus, aber die gängigen Werke der Klassik und Romantik sind fester Bestandteil seines Kernrepertoires. Selbst einer so oft gespielten Komposition wie Vivaldis "Vier Jahreszeiten" entlockt Gil Shaham noch neue Färbungen. Wer einen so schönen, runden, und dabei nie fetten Geigenton sein eigen nennt wie der junge israelischamerikanische Musiker, der soll ihn natürlich nicht verstecken. Und so öffnet Gil Shaham gerne die Schleusen, weiß er doch, dass er nie die Grenzen des guten Geschmacks verläßt und dass ein asketischer, ausgemergelter Tonfall nicht sein Ideal ist.

Er kann es sich auch leisten, denn spätestens seit Shaham 1990 den begehrten Avery Fisher Career Grant gewonnen hat, gehört der 31jährige zur Weltspitze, darin sind sich nicht nur das Publikum, sondern auch Kritiker wie Dirigenten und Agenten ausnahmsweise einmal einig. Und als ob dies noch zu beweisen sei und einer äußeren Manifestatoin bedürfe, erhielt er im August 1992 den Preis der Accademia Chigiana in Siena, mit dem vor ihm bereits Musiker wie Gidon Kremer, Shlomo Mintz, Anne-Sophie Mutter Krystian Zimerman oder Jewgenij Kissin ausgezeichnet worden waren. Im Februar 2000 wurde Gil Shaham mit seiner Aufnahme des Violinkonzertes Nr. 2 und der Rhapsodien Nr. 1 & 2 von Bartok (Chicago Symphony Orchestra/Pierre Boulez) für den amerikanischen Grammy nominiert.

Geboren wurde Gil Shaham 1971 in Champaign-Urbana im amerikanischen Staat Illinois. Als er zwei Jahre alt war, zog die Familie zurück nach Israel. Mit sieben Jahren begann er das Violinstudium bei Samuel Bernstein an der Rubin Academy of Music in Jerusalem, wo sein außergewöhnliches Talent bald erkannt wurde. Die America-Israel Cultural Foundation gab ihm ein Stipendium, das Jahr für Jahr erneuert wurde. 1980 studierte er bei Chaim Taub in Jerusalem und spielte als Hochbegabter unter anderem den Geigenkönigen Isaac Stern, Nathan Milstein und Henryk Szeryng vor. In den Jahren 1980 und 1981 kam er jeweils in den Sommermonaten nach Colorado an die Aspen Music School, wo er an Kursen von Dorothy DeLay und Jens Ellerman teilnahm. Nachdem er 1982 den ersten Preis im Clairmont-Wettbewerb gewonnen hatte, bekam er ein Stipendium der Juilliard School, wo er weiterhin bei Dorothy DeLay und auch bei Hyo Kang studiert hat.

Sein Debüt gab Gil Shaham im Alter von zehn Jahren beim Jerusalem Symphony Orchestra. Ein Jahr später stand er dann bereits beim Israel Philharmonic Orchester unter Zubin Mehta auf dem Podium. Nach Europa kam er erstmals im Sommer 1986, wo sein Auftreten beim Schleswig-Holstein Musik Festival zu einer Sensation wurde. Er gab sein Debüt in der Mailänder Scala, spielte mit dem London Symphony Orchestra, mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und dann gleich nochmals in London - als Einspringer für Itzhak Perlman. "Damals hatte ich Butter in den Knien", erinnert sich Gil Shaham noch heute. "Aber ich würde es jederzeit wieder machen. Man muss auch einmal etwas wagen. Dieser Auftritt hat meiner Karriere den entscheidenden Push nach oben gegeben, da bin ich ganz sicher."

Gil Shaham – das ist ein bescheidener, offener, interessierter, sympathischer junger Mensch. Er ist glücklicher Vater eines kleinen Sohnes, und lebt heute mit seiner Familie (seine Frau Adele Anthony ist selbst eine exzellente Geigerin) in New York. Sein Glück spiegelt sich in seinem Spiel, mit dem er die Menschen begeistert.

     
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